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Philippinen: Die Königin von Lorega
27-07-2010
 Sie nannten sie „die Königin“. Tomasa kontrollierte eine Gemeinschaft aus Drogenhändlern, Zuhältern und Prostituierten. Bis der Tag kam, an dem einer ihrer Enkel in einem Compassion-Projekt aufgenommen wurde.
Lorega ist eine der berüchtigsten Gegenden in Cebu City, der Hauptstadt der philippinischen Provinz Cebu. Entstanden ist Lorega als illegale Siedlung auf einem öffentlichen Friedhof - ein Armenviertel über und neben den Gräbern der Toten. Kinder spielen zwischen den Gräbern und Leute sitzen auf den Grabplatten, als ob sie Parkbänke seien. Lorega ist so berüchtigt, sagt Tomasa, dass sich Gangster aus anderen Armenvierteln nicht hierher trauen.
Ein Schock für alle
Tomasa hatte alles unter ihrer Kontrolle. Die Leute fürchteten sich vor der Königin. „Wenn sie einen Kick brauchten, kamen sie zu mir.“ Sie verdiente gut am Verkauf der Rauschdroge Crystal Meth, die öffentlich in Lorega verkauft und verteilt wurde. Die Polizei kam nicht hierher und Tomasa erhielt sogar Deckung von ihr. Es gab verschiedene Versuche der Behörden, ihrer habhaft zu werden. Doch gerade die Polizei verhinderte deren Erfolg. „Ich verdiente eine Menge Geld“, erzählt Tomasa und schätzt ihre damaligen Einkünfte auf mehr als achtzig Euro am Tag – viel Geld für die Philippinen. „Und das nur vom Verkauf von Drogen.“ In ihrem Haus trafen sich Mörder, Drogenhändler und Zuhälter. Als die „Königin von Lorega“ Christin wurde, war das ein Schock für alle.
Es fing alles 2000 an, als einer von Tomasas Enkeln, Diether, in einem Compassion-Projekt mit dem Namen „Liebe für meinen Nächsten“ aufgenommen wurde. Diethers Eltern hatten kein geregeltes Einkommen und Tomasa verschwieg den Projektmitarbeitern, wovon sie lebte. Zuerst lehnte es Tomasa ab, dass jemand eine Patenschaft für ihren Enkel übernahm, da sie nichts von Verbindlichkeit hielt. „Doch die Projektmitarbeiter beharrten darauf“, berichtet sie, „und ich bin froh, dass sie es taten.“ Es war der Beginn einer unglaublichen Veränderung.
Keine Zeit für Drogen
Die Mitarbeiter des Compassion-Projekts sorgen dafür, dass jedes der Kinder besucht wird und besondere Aufmerksamkeit erfährt. „Wir betrachten jedes unserer 500 registrierten Kinder als besonders“, sagt Beth Tabasa, die Direktorin des Projekts. „Wir besuchen ihr Zuhause, lernen ihre Eltern und Familienmitglieder kennen und führen Bibelarbeiten in ihren Kommunen durch.“ Die „Königin“ hörte von den Treffen in Lorega und konnte nicht anders, als daran teilzunehmen. „Ich liebe meine Enkel und somit unterstütze ich ihre Patenschaft, indem ich die Bibelarbeiten besuche.“
Bald wurden zwei weitere Enkel, Stephani und John Christian, im Projekt aufgenommen, und nach und nach veränderte sich ihre vierschrötige Großmutter. Um ihre Enkel zu unterstützen, arbeitete sie freiwillig in der Küche des Projekts mit, kochte und spülte Geschirr für die Kinder. Sie vernachlässigte ihre früheren Geschäfte und verbrachte mehr Zeit in der Gemeinde. 2005 wurde ihre Welt vollständig auf den Kopf gestellt, als ihr Sohn Emilio Junior zum Glauben an Jesus fand. Er war ein Dieb und Drogensüchtiger, ein öffentliches Ärgernis. „Wenn ich betrunken war, forderte ich jeden zum Kampf heraus“, blickt Emilio auf die Zeit zurück. „Sie hatten alle Angst und gaben mir den Weg frei.“ Mutter und Sohn, die Königin und der Schläger, besuchten gemeinsam die Bibelstunden. Gemeinsam ließen sie sich auch taufen. Heute ist Emilio Junior ein Pastor und Tomasa hat den Drogen und der Zuhälterei völlig den Rücken zugekehrt.
Ein Ja nach vielen Jahren
„Ich habe eine Menge schlechter Dinge getan“, bekennt Tomasa. „Ich bin erstaunt, dass der Herr mich dennoch liebte und einen Weg für mich vorbereitete, um mich zu ändern. Wie sollte ich ihm jetzt nicht dienen?“ Nicht alle ihrer Nachbarn freuten sich mit ihr: Sie wurde bedroht und verhöhnt. „Einige zweifelten, dass ich mich wirklich verändert hatte, doch ich war entschlossen, ihnen Gottes verändernde Kraft zu zeigen.“ Statt mit den achtzig Euro, die sie am Tag eingenommen hatte, gab sich Tomasa zufrieden mit dem, was ihr Mann nach Hause brachte: Emilio Senior richtete Kampfhähne ab und verdiente gerade zwölf Euro – im Monat.
Tomasa ist heute in Lorega die Gebietsleiterin des Compassion-Projekts. Eine ihrer Aufgaben ist es dafür zu sorgen, dass die Eltern aller Kinder im Projekt die Bibelstunden besuchen und ihren Kindern helfen, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Ihr Sohn leitet die Bibeltreffen in ihrem Haus. Im Mai 2009 wurde Tomasas Mann Emilio Senior mit Lungenkrebs diagnostiziert. Er wurde so schwach, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Tomasa wusch Wäsche und ihr Sohn verkaufte Lautsprecherboxen, um die große Familie über Wasser zu halten. „Wir wurden sehr arm und Essen gab es wenig“ sagt Tomasa, „doch wir hielten an unserem Glauben fest und blieben dem Herrn treu.“ Am 18. November 2009 gaben Tomasa und Emilio Senior dieser Treue einen besonderen Ausdruck: Sie heirateten einander - denn das hatten sie nie getan. Nur wenige Augen blieben trocken, als das ältere Paar zum Altar schritt. Ihre Kirche und das Compassion-Projekt bereiteten ein Fest für die beiden. Am 26. Dezember starb Emilio Senior.
„Ich werde Gott weiter dienen“
Heute sorgt die 59-jährige Tomasa weiter für ihre Enkel. „Ich habe versucht, eine Arbeit zu finden, doch ich bin noch so schwach“, sagt sie traurig. „Mein Herz trauert immer noch wegen des Todes meines Mannes.“ Sie kommt weiter treu zur Gemeinde, kümmert sich um die Mütter des Gebiets und dient den Kindern als Freiwillige in der Küche. Das Compassion-Projekt erlaubt ihr, etwas von dem Essen mit nach Hause zu nehmen, das sie zubereitet. „Ich würde nie bereuen, dass ich mein Leben dem Herrn gegeben habe, auch wenn wir manchmal nichts zu essen haben“, sagt Tomasa entschieden. „Ich werde ihm dienen, so lange er mir erlaubt zu leben.“
Edwin Estioko, Compassion Philippinen
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