Äthiopien: Eine tapfere junge Frau

14-12-2012

„Eines Morgens brachte uns unsere Mutter zu der christlichen Gemeinde, die in der Nähe lag“, erzählt Uraelua. „Sie sagte, sie hätte es eilig und wollte diese Gelegenheit nicht verpassen.“ Das Mädchen und ihr Zwillingsbruder Fanuel verstanden damals nicht, was vor sich ging.

Die alleinerziehende Frau kämpfte täglich damit, sich selbst und die Kinder durchzubringen. Sie lebte davon, dass sie Kat verkaufte, eine Pflanze mit aufputschender Wirkung. An diesem Tag lief sie mit ihren Kindern zur Misgana-Gemeinde, einer evangelischen Freikirche in der Nähe ihre Zuhauses in Addis Abeba. Die Gemeinde startete an diesem Tag ihr Compassion-Projekt für die armen Kinder der Umgebung. Als sie ankamen, waren schon hunderte andere Eltern dort, die denselben Gedanken hatten. Sie alle hofften, ihren Kindern und sich selbst damit die Tür in eine bessere Zukunft zu öffnen. 250 Kinder wurden schließlich ausgewählt. „Ich erinnere mich wie erleichtert sie war, als alles erledigt war“, sagt Uraelua, die damals sechs Jahre alt war. „Sie war extrem froh, dass wir aufgenommen worden waren.“

Das Elend zuhause vergessen

Das Patenschaftsprogramm der Gemeinde ermöglichte den beiden Zwillingen, zur Schule zu gehen. Die Kosten für Schuluniform und –bücher wurden vom Projekt getragen. Viele afrikanische Eltern können allein deshalb ihre Kinder nicht zur Schule schicken, weil ihnen das Geld für beides fehlt. Einmal in drei Monaten gab es für die Familie auch Unterstützung, was Nahrungsmittel betraf: Sie erhielten Weizen, Öl zum Kochen und Teff, eine Hirse, mit der in Äthiopien die Nationalspeise Injera gebacken wird, ein Fladenbrot. Wohl nicht nur ihrer Familie half diese Unterstützung beim Überleben.
Auch die Kindergottesdienstgruppen begannen sich im Leben der Kinder auszuwirken; man konnte beobachten, wie gut sich ihr Verhalten entwickelte. „Das Projekt war eine neue Umgebung für uns“, blickt Uraelua zurück, „wir wurden freundlich behandelt und die Dinge, die wir gelernt haben, waren faszinierend für uns. Wir mochten es allein deshalb im Projekt zu sein, weil es uns half, das Elend zuhause zu vergessen.“

Die Jahre vergingen. Als die Kinder 17 Jahre alt waren, wurde ihre Mutter plötzlich krank. Uraelua übernahm es, sich um ihre vier Geschwister zu kümmern und um ihre bettlägerige Mutter. Deren Gesundheitszustand verschlechterte sich täglich. Die Kinder taten alles, um ihrer Mutter zu helfen – umsonst: Anfang 2011 starb sie. „Ich habe nie meinen Vater kennengelernt“, sagt Uraelua und kämpft mit ihren Tränen. „Er starb, als mein Bruder und ich sehr klein waren. Aber der Tag, an dem wir unsere Mutter verloren, war bei weitem der dunkelste und traurigste unseres Lebens. Sie hatte die ganzen Jahre hart gearbeitet, um für uns zu sorgen.“ Nun war es an Uraelua, für die Geschwister zu sorgen: neben Fanuel, der weiter zur Schule gehen würde, war da noch ihr geistig behinderter älterer Bruder und die beiden jüngeren Schwestern, zehn und vier Jahre alt. Während sich ihre Freunde in der Schule auf die Abschlussprüfungen zur 10. Klasse vorbereiteten, zerbrach sich Uraelua den Kopf, wie sie sich und die vier Geschwister durchbringen könnte.

„Ich konnte nicht einfach dasitzen“

„Ich musste einfach etwas tun“, sagt die tapfere junge Frau. „Ich konnte nicht einfach dasitzen und zusehen, wie meine Geschwister hungerten.“ Sie sah sich nach einer Arbeit um. „Die einzige, die ich bekam, war die als Kellnerin in einem Café.“ Vierhundert äthiopische Birr sprangen dabei monatlich heraus, etwa 17 Euro. Trotz der Arbeit wollte Uraelua die Schule nicht aufgeben. Doch beides gleichzeitig ging nicht – und so verpasste sie viele Stunden. Schließlich entschied sie sich, nur noch für die Geschwister da zu sein.
In dieser schwierigen Zeit erfuhr sie im Compassion-Projekt vom Soforthilfefonds für  akut gefährdete Kinder. Es wurde entschieden, dass sie und ihr Bruder daraus monatlich mit zusätzlichen Lebensmitteln versorgt würden. „Es gab Zeiten, da fühlte ich mich nur noch hoffnungslos“, sagt die 17-Jährige. „Doch diese besondere Hilfe durch das Projekt machte mich etwas optimistischer. Die Lebensmittel waren eine Riesenhilfe.“  

Begrabene Träume?

Uraelua kocht für ihre Geschwister, wäscht ihre Kleidung und kümmert sich um den Haushalt, wenn sie von der Arbeit zurückkommt, während Fanuel den jüngeren Schwestern hilft. Fragt man sie danach, wo sie sich in fünf Jahren sieht, fällt die Antwort nüchtern aus: „Ich denke nicht darüber nach. Das einzige, was ich erfolgreich machen möchte, ist, meine jüngeren Schwestern aufzuziehen, ihnen Liebe zu geben und dafür zu sorgen, dass ihnen nichts fehlt.“ Und doch hat sie nicht alle eigenen Träume begraben. „Jetzt, wo das Projekt mit Lebensmitteln hilft, plane ich, meine Schule in Abendkursen zu machen, so dass ich zumindest den weiterführenden Abschluss schaffe.“ Und sie fügt hinzu: „Ich weiß, dass Gott treu ist und mir die Weisheit geben wird, für meine Schwestern und meinen Bruder zu sorgen. Ich wünsche mir einfach, dass Menschen für mich beten.“

Tigist Gizachew, Compassion Äthiopien

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