Bolivien: Ein kleiner Moment

17-02-2012

Es ist etwas Besonderes, wenn ein ehemaliges Patenkind selbst zum Ermutiger wird. Wess Stafford, Präsident von Compassion International, erlebte einen solchen Moment, als er Jenny in Bolivien traf:

Es ist einige Jahre her, dass ich ein Compassion-Projekt in Bolivien besuchte. Eines der Kinder, die durch einen Paten gefördert worden sind, heißt Jenny. Sie hat nicht nur die Schule erfolgreich beendet, sondern sie hat es sogar in das Leiterschafts-Mentoring-Programm von Compassion geschafft. Das ist eine Gruppe von ausgewählten jungen Leuten, die mit Hilfe eines Paten an einer Universität studieren können. Sie durchlaufen ein sehr intensives Programm, bei dem sie ihr vollständiges Potential entwickeln können und dabei auch lernen, Leiter zu werden.

Jennys Traum

Es war gerade die Zeit, wo die Abschlüsse gemacht wurden. Jennys Paten waren den weiten Weg von Oregon angereist, um mit ihr den Abschluss zu feiern. Jenny kam aus einer sehr armen Familie, die auf den Anhöhen der Anden lebte. Von dort konnte man auf La Paz runterschauen. Der Flughafen von La Paz liegt so hoch, dass Piloten sich kaum trauen, die Geschwindigkeit zu drosseln, weil sie Angst davor haben, die Kontrolle zu verlieren. Daher sind die Landebahnen ungefähr fünf Kilometer lang. Kein Wunder, dass der Flughafen „El Alto“ genannt wird („Die Höhe“).

Auf dem Hochplateau leben einige der ärmsten Familien Boliviens. Jenny träumte immer davon, einmal Krankenschwester zu werden, aber das schien für sie unerreichbar zu sein. Um die Familie am Leben zu halten, reparierte ihr Vater Fahrräder. In der Schule strengte sich Jenny besonders hart an, und schließlich schaffte sie es tatsächlich, an der Universität von La Paz eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen. Es war nicht einfach, als sie für die Ausbildung ihr Zuhause hoch in den Bergen verlassen musste. Das akademische Programm schreckte sie etwas ab. Als sie ihren Paten schrieb und um Gebetsunterstützung bat, erhielt sie immer wieder dieselbe Antwort: „Wir sind so stolz auf dich, Jenny! Du schaffst es! Schau doch, wie weit du bisher schon gekommen bist. Gib bitte nicht auf. Gib dein Bestes!“

Die Würde der Armen

Und Jenny studierte mit großer Energie und war fleißig. Und nun hatte sie es nicht nur geschafft, ihre Ausbildung erfolgreich zu beenden, sie hatte sogar als Beste ihrer Klasse abgeschlossen! Sie hat sich in Konkurrenz zu anderen jungen Erwachsenen aus den besten Familien Boliviens begeben – und sie hat als Beste abgeschlossen. Ihre Paten waren stolz auf sie, als sie uns auf eine kleine Tour durch die Universität mitnahm und uns alles zeigte. Offensichtlich war sie bei ihren Lehrer und Mitstudenten sehr beliebt. Das spürten wir sofort bei allen, denen wir unterwegs begegneten.

Und dann begaben wir uns auf die anstrengende Tour in die Berge zu ihr nach Hause. Natürlich waren auch ihre Eltern sehr stolz auf sie. Aber uns fiel auch direkt die Würde auf, die sie ausstrahlten.
Kurze Zeit später lud sie uns ein, mit ihr gemeinsam das Compassion-Projekt zu besuchen, zu dem sie als Kind immer gegangen war. Eine nicht ganz einfache Reise über vier Kilometer mit dem Jeep - ein Husarenritt, den sie in ihrer Kindheit jeden Tag zu Fuß bewältigen musste.

Als wir bei der kleinen Gemeinde in den Bergen ankamen, hatte niemand mit unserem Besuch gerechnet. Die Kinder schienen gerade ein Programm in verschiedenen Gruppen zu haben. Als Jenny mit den drei eigenartig aussehenden weißen Menschen in den Raum trat, blickte der Pastor der Gemeinde überrascht auf. Als er Jenny entdeckte, wie sie da plötzlich in der weißen Krankenschwesterntracht vor ihm stand, erinnerte er sich scheinbar sofort daran, dass sie eine gute Stimme hatte und gerne Gitarre spielte. „Herzlich willkommen, Jenny“, rief er. „Komm herein und bitte singe doch ein Lied für die Kinder.“ Auf Drängen der Kinder und des Pastors ging sie schließlich langsam in den Altarraum der kleinen Bergkirche und nahm die alte Gitarre des Pastors.

„Gib niemals auf!“

Ungefähr hundert Kinder des Projekts saßen gebannt und gespannt in dicht gedrängten Reihen wie die Hühner auf der Stange. Sie sahen so schön aus. Alles in dem Raum war irgendwie braun: der Fußboden, die Wände, die Kinder – und sogar ihre Kleidung hatte diesen braunen Farbton. Nur Jenny strahlte in ihrem weißen Kittel und stach so besonders hervor. Die Kinder waren begeistert und bereiteten ihr einen berauschenden Empfang.

Jenny saß nun also vorn im Altarraum, stimmte die Gitarre – und dann begann sie zu singen. Und es klang wunderschön! Dann, in der Mitte ihres Liedes, bemerkte ich, wie ihre Augen immer wieder zu einem bestimmten Punkt im Raum wanderten. Und dann sah ich eine kleine Träne ihre Wange herunterfließen. Und schließlich entdeckte ich, wen sie in den Blick nahm: ein Mädchen am Ende der dritten Reihe. Sie war klein und ihre Füße wippten das Lied mit.

Plötzlich schien Jennys Stimme abzubrechen, die Tränen begannen zu strömen und sie konnte nicht mehr weitersingen. „Hallo Liebes“, hörte ich ihre sanfte Stimme zu dem kleinen Mädchen sagen. „Weißt du, dort, wo du jetzt sitzt, da habe ich früher normalerweise immer gesessen, als ich so klein war wie du. Du sitzt auf meinem Platz! Siehst du, was aus mir geworden ist? Dasselbe kann auch mit dir passieren – deshalb: Gib niemals auf! Bitte, gib niemals auf!“

In diesem Moment hob Jenny ihren Blick und schaute nach hinten in die Kirche, wo ihre Paten standen.
An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, denn es schien für mich auf einmal alles vor den Augen zu verschwimmen.

Ich freue mich sehr darüber, dass viele Compassion-Paten auf der ganzen Welt ähnliche Erlebnisse machen durften. Es braucht nur einen kleinen Moment als Initialfunken für eine lebenslange Veränderung.
Ein kleiner Moment kann das Lebens eines Kindes nachhaltig verändern. Eines Kindes, das vor dir steht, oder eines Kindes, das einen ermutigenden Satz in einem Brief liest – selbst, wenn dieses Kind am anderen Ende der Welt lebt.  

(Foto: Wess Stafford während eines Projektbesuchs in Südamerika. Die Frau im Bild ist nicht Jenny.)

In diesem Kurzfilm erklärt Wess Stafford die Arbeit von Compassion


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