Burkina Faso: Licht am Ende des Tunnels
26-11-2011Nein! Seine Kinder würden nicht in das Compassion-Projekt gehen - er habe nichts mit Christen zu tun. Heute, fünf Jahre später, lobt der Vater von Mohamed und Ibrahim die Leute, die er so barsch abgewiesen hatte.
Doch was veranlasste den alten Mann, seine Meinung zu ändern? Der Vater der Jungen ist seit dem Jahr 2000 erblindet, seitdem ist die Familie völlig abhängig von der Arbeit der Mutter Martine. Sie sieht älter aus, ist aber erst vierzig. „Ich hatte Gemüse verkauft und mein Mann arbeitete als Maurer. Doch nachdem ich die Zwillinge geboren hatte, konnte ich nicht damit fortfahren“, erinnert sich Martine. „Leider begann sich zu dieser Zeit das Augenlicht meines Mannes zu verschlechtern.“ Für die Familie begann buchstäblich eine dunkle Zeit. „Ich ging durch die Straßen mit einer Büchse, während ich die Zwillinge mit mir trug, und bettelte für das tägliche Essen meiner Familie, sieben lange Jahre.“
Selbstversorger statt Abhängige
Als die beiden Jungen sieben Jahre alt wurden, hörte ihre Mutter mit dem Betteln auf. Sie lernte zu weben, um für die Schulgebühren ihrer Kinder aufkommen zu können. Martine musste hart arbeiten, um für Essen, Kleidung und Schulgeld der Jungen und ihrer älteren Geschwister zu sorgen. Trotz aller Anstrengungen stieß sie an ihre Grenzen und musste manchmal auf Nahrungsmittel von Hilfswerken zurückgreifen. Zu dieser Zeit schließlich wurden Mohamed und Ibrahim in ein Compassion-Projekt aufgenommen - wogegen ihr Vater sich zuerst so gesträubt hatte. Das Projekt am Rand von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou hatte 2006 seine Arbeit begonnen, in einer armen Gegend mit mehrheitlich muslimischer und katholischer Bevölkerung. Heute kümmern sich hier vier hauptamtliche und acht freiwillige Mitarbeiter um etwa 250 Jungen und Mädchen.
2010 startete das Projekt ein Programm für besonders gefährdete Kinder. Diese Initiative hilft armen Familien, deren Lage besonders prekär ist, um für ihre Kinder sorgen zu können. „Solche gefährdeten Kinder aus Armut zu befreien geschieht durch die Unterstützung ihrer Eltern. Doch diese Hilfe kann nicht beim schlichten Austeilen von Nahrungsmitteln stehenbleiben, da das die Abhängigkeit vergrößert“, beschreibt Kevin Zongo von Compassion Burkina Faso die Ziele des Programms. „Es muss darüber hinaus gehen und Eltern in die Lage versetzen, für sich selbst zu sorgen, um ihren Kindern besser helfen zu können.“
Eine neue Würde
Was bedeutete das für die Familie von Mohamed und Ibrahim? Die Eltern der Jungen und die von vier anderen Kindern wurden ausgewählt, um besonders gefördert zu werden: Sie wurden darin geschult, ein Kleinunternehmen zu starten - zum Beispiel als Weber, Viehzüchter oder Servicekräfte - und erhielten einen Anschubkredit von etwa 40 Euro. „Als wir die Kredite vergaben, gingen wir nicht davon aus, dass die Eltern schnell reich würden, sondern für sich selbst und ihre grundlegenden Bedürfnisse sorgen zu können“, blickt Etienne Zoetyenga, der Direktor des Compassion-Projekts, nach einem Jahr zufrieden auf die Initiative zurück. „Zu unserer großen Überraschung halten die Eltern durch.“
Martine, die Mutter der Zwillinge, kaufte für ihren Kredit Stoffe, um traditionelle burkinische Kleidung zu produzieren, die sie verkaufte. Mit den Einnahmen, die sie erzielt, ist sie besser in der Lage, für Schulgeld und Essen ihrer Familie aufzukommen. Sie konnte den ersten Kredit zurückzahlen und erhielt vor einigen Monaten einen zweiten. Die Familie sieht sich weiter Nöten gegenüber, doch ihre Lage hat sich verändert. Und mehr noch: auch ihr Ruf. Martine ist heute nicht mehr die Bettlerin, als die sie jahrelang in den Straßen und vor den Häusern anzutreffen war. Sie gleicht nun den anderen Frauen ihrer Gegend und ist stolz darauf, ihre Würde zurückgewonnen zu haben, für ihre Familie sorgen zu können. Und Martine arbeitet mit einigen von ihnen zusammen, die ebenfalls weben, als gleichberechtigte Partnerinnen.
„Nicht mehr die Kinder der Bettlerin“
Auch Mohameds und Ibrahims Leben hat sich verändert. Als sie 2007 ins Projekt aufgenommen wurden, war der Unterschied zwischen ihnen und den anderen Kindern auffällig: Sie waren zwei gebrechliche, einsame Jungen in schmutziger Kleidung. Wie die anderen Kinder im Projekt wollten sie donnerstags ihr Essen mit nach Hause nehmen, um es mit den Eltern und Geschwistern zu teilen. Heute kann man den Jungen die früheren Leiden kaum anmerken. „Die Jungs spielen, essen und lernen mit den anderen, ohne wie in der Vergangenheit abgelehnt zu werden“, sagt Projektdirektor Etienne. „Und wie ihre Mutter entwickeln sie sich weiter und haben Minderwertigkeitskomplexe überwunden – sie sind nicht mehr die Kinder der Bettlerin.“
Mohamed (Foto oben: zwischen seinen Eltern), der an Epilepsie leidet, erhält durch sein Compassion-Projekt nötige Medikamente. Seine Krankheit hat ihn zwar hinter seinen Bruder zurückgeworfen - während Ibrahim in die vierte Klasse geht, besucht Mohamed noch die zweite –, doch mit seiner Gesundheit verbessern sich auch seine Leistungen. Ihre Mutter Martine beschreibt die neue Situation in schlichten Worten: „Die Hilfe, die ich bekomme, ist gut, und ich bin Gott von Herzen dankbar und denen, die dafür sorgen.“
Paul Henri Kabore, Compassion Burkina Faso
Die Initiative für die stark gefährdeten Kinder wird aus den Ergänzenden Hilfsfonds von Compassion gefördert.


