Indien: Nishas Traum
01-02-2012Bambusrohre, der nackte Erboden, ein Plastikdach. Das ist das Haus, in dem Nisha lebt. Armut bestimmt das Leben der Familie - doch Nisha träumt von der Zukunft.
Nishas Mutter Usha heiratete in sehr jungem Alter, und wurde bereits im selben Jahr zur Witwe. Nach einiger Zeit heiratete sie erneut, und wieder schienen die Dinge nicht gut zu laufen: Ihr neuer Mann hatte sich von seiner Frau geschieden und hatte bereits drei Kinder. Nishas Mutter ging dennoch auf seinen Antrag ein, da ihr der Mann versprach, sich um sie allein zu kümmern. Doch nach der Heirat brach er sein Versprechen und sorgte mit seinem mageren Einkommen auch für seine alte Familie. Als Alleinversorger reichte es nicht für beide Familien: Oft stand Nishas Mutter ohne Geld da, kaum imstande, für Nisha und ihren Bruder Anish zu sorgen.
Patenkind!
Nisha wurde 1993 in einem Dorf am Rand von Trivandrum geboren, der Hauptstadt des Bundesstaats Kerala, ganz im Süden von Indien. Der Alltag der Familie war ein ständiger Kampf ums Überleben. „Es ist nicht leicht, zwei Kinder ohne das nötige Geld aufzuziehen, um ihnen ausreichend Essen und Kleidung zu geben“, erinnert sich ihre Mutter Usha an diese schwere Zeit. „Doch ich habe es geschafft, weil ich entschlossen bin, nicht aufzugeben.“ So fing die Mutter an Kühe zu halten, um zum Einkommen der Familie beizutragen. Es sollte die einzige Einkommensquelle der Familie werden, denn Nishas Vater begann zu trinken. In dieser verzweifelten Lage wurde Nisha in das Compassion-Projekt einer einheimischen Gemeinde aufgenommen. Das Mädchen besuchte regelmäßig die Angebote des Projekts, zum Beispiel den biblischen Unterricht. Durch die Patenschaft für Nisha entspannte sich die Situation der Familie.
Bis vor drei Jahren. Dann begann erneut eine dunkle Zeit: Der körperliche Zustand des Vaters verschlechterte sich. Er litt an einer Lähmung und wurde bettlägerig, unfähig, einer Arbeit nachzugehen. Auch geistig baute er zusehends ab. Nisha besuchte jetzt die zehnte Klasse. Obwohl ihr Vater sich wünschte, dass sie gut in der Schule vorankam, war sie unter den Umständen kaum fähig, zuhause zu lernen. Manchmal schrie ihr Vater sie an oder er missverstand, was sie ihm antwortete. Über Monate war das Lernen zuhause nur möglich, wenn der Vater schlief. Oft lernte Nisha stattdessen im Compassion-Projekt. Trotz aller Widrigkeiten schaffte sie gute Noten.
Auch das Einkommen der Mutter durch die Kühe brach ein. Eine Maßnahme der Regierung verschaffte Usha zwar für hundert Tage im Jahr Arbeit, doch die wenigen Rupien Verdienst reichten nicht für die Familie. Schlimmer noch: auch die Mutter wurde krank. Kleine Lichtblicke waren in dieser Zeit die Briefe ihrer Paten, die Nisha Trost schenkten und Mut machten.
Hunger
Ohne etwas zu essen, begann die Familie zu hungern. An dieser Stelle schritt das Compassion-Projekt und die Gemeinde ein: die Familie wurde durch den Compassion-Fonds für besonders gefährdete Kinder unterstützt. „Ohne ihre Hilfe wären wir alle vor Hunger umgekommen“, sagt Nisha über diese Zeit.
Inmitten all der Not schaffte es Nisha, 83 Prozent der nötigen Punkte für ihren Abschluss der zehnten Klasse zu erreichen - das drittbeste Ergebnis ihrer Schule. Auch in den weiterführenden Klassen setzten sich ihre guten Noten fort. Nach Abschluss der Schule wuchs in der jungen Frau der brennende Wunsch zu studieren. Doch daran war angesichts der Lage der Familie nicht zu denken.
Nisha blieb nichts anderes, als zu beten und zu hoffen.
Eine Tür öffnete sich, als die 18-Jährige im letzten September für das Leiterschaftsprogramm von Compassion ausgewählt wurde. Es gibt begabten Patenkindern die Möglichkeit, an einer Hochschule zu studieren und gleichzeitig unter Leitung eines Mentors christliche Führungsprinzipien einzuüben. Jetzt studiert Nisha in ihrem ersten Jahr Elektrotechnik. Leider kann ihr Vater ihre Freude nicht mehr teilen: er starb, nachdem sie ihr Schulexamen beendet hatte.
Jayaseelan Enos, Compassion Indien
(Foto: Nisha mit ihrer Mutter Usha)


