Indonesien: Baden will gelernt sein
21-10-2011Nicht in allen Kulturen wird der Sinn von Sauberkeit gleich verstanden. In Wamena galt es als krankheitsfördernd, zu baden. Die Kinder im dortigen Compassion-Projekt mussten umlernen, was man ihnen beigebracht hatte.
Wamena liegt auf der Insel Neu-Guinea, ganz im Osten von Indonesien. Man erreicht die Stadt am Jayawijaya, Indonesiens höchstem Berg, nur per Flugzeug. Kein Wunder, dass Wamena ein Ort ist, der in seiner Entwicklung anderen Regionen des Landes hinterherhinkt. Horn Horn liegt im Westen von Wamena, eine kühle Gegend, in der sauberes Wasser rar ist. Die Menschen benutzen Flusswasser, das in seiner Farbe an Kakao erinnert, aber wenig geschmackvoll ist: Sie nehmen das schmutzige Wasser zum Trinken, Waschen und für den täglichen Bedarf. Denn um sauberes Wasser zu finden, muss man drei bis vier Meter tief graben.
„Wenn wir baden, können wir krank werden“
Die meisten Menschen in Horn Horn leben so, wie sie es von den Vorfahren übernommen haben: Sie leben in „Honais“ – traditionellen Hütten mit Holzwänden und Grasdach über dem nackten Erdboden. Manche Männer in Horn Horn tragen noch den „Koteka“, einen Schurz aus Kürbisrinde, mit dem sie ihren Genitalbereich bedecken. Sie reiben ihren Körper mit Öl aus Schweinefett ein, das sie wärmt und gegen Mückenstiche schützt. Die Menschen in Horn Horn kennen es nicht, sich regelmäßig zu baden oder zu duschen. Manchmal nehmen sie über Monate kein Bad. Und der Grund leuchtet ein: Das Wasser würde das Schweinefett entfernen und überdies ist es sehr kalt. Die Menschen glauben, dass sie krank würden, wenn sie badeten – eine Vorstellung, die von einer Generation an die andere weitergegeben wird.
Im Januar 2008 startete eine einheimische Gemeinde ein Compassion-Projekt, um sich um die Kinder in Wamena zu kümmern. Heute besuchen über 120 Jungen und Mädchen das Projekt der Alfa Bethel Church. Eins der größten Probleme für die Mitarbeiter sind Krankheiten. Die Eltern kümmern sich wenig um die Reinlichkeit ihrer Kinder. Die meisten sind Kleinbauern, die wegen der hohen Lebenshaltungskosten hart arbeiten, um für ihre Kinder zu sorgen. Viele gehen früh am Morgen aufs Feld und kehren erst spät am Abend zurück. Aufgrund ihres Lebensstils und der mangelnden Hygiene leiden viele der Kinder unter Hautkrankheiten. Sie kommen oft in schmutzigen Kleidern ins Compassion-Projekt und ohne Sandalen. Dafür klebt Erde an ihren Füßen und unter den Fingernägeln, während ihre Nasen laufen. „Die Kinder müssen einen Fluss und schlammige Gegenden durchqueren, um das Projekt zu besuchen. Daher überrascht es nicht, dass Erde ihren Körper und ihre Füße bedeckt“, erklärt Projektleiter Nongki Runesi.
Nayla und Yunita kommen im selben Zustand im Projekt an, wie die anderen Kinder. Sonny, der Vater der beiden Schwestern, erzählt, warum das so ist: „Mein Vater hat uns nie beigebracht zu baden, seit ich ein kleiner Junge war. Alles, was ich weiß, ist, dass wenn wir ein Bad nehmen, können wir leicht krank werden.“ Es ist nur allzu verständlich, dass sich im Zuhause der Familie kein Badezimmer befindet. Projektleiter Nongki ist beunruhigt über die hohe Zahl der Kinder mit Hauterkrankungen: „Es ist sehr schwierig in dieser Gegend, medizinische Hilfe für die Kinder zu finden. Neben den Kosten brauchen sie noch extra Geld für die Verkehrsmittel, um zum kommunalen Gesundheitszentrum zu gelangen.“
Zähne putzen, Haare waschen, Nägel säubern
Um auf die Zustände zu reagieren, rief Nongki 2009 ein Programm ins Leben, das den Kinder helfen soll, einen gesünderen Lebensstil zu entwickeln. Mit Unterstützung von Compassion entstanden Schränke für die Toilettensachen von hundert Kindern. Die Mitarbeiter des Projekts entwickelten einen Zeitplan, wann die Kinder im Projekt ein Bad nehmen würden. Er funktionierte. „Sie gewöhnen sich daran, regelmäßig zuhause ein Bad zu nehmen“, äußert sich Nongki Runesi zufrieden mit dem Erfolg des Programms. „Die Kinder nehmen jetzt ein Bad, bevor sie ins Projekt kommen. Obwohl ihre Eltern es ihnen nicht sagen, wissen sie, dass sie ein Bad nehmen müssen, um sich selbst gegen Krankheiten zu schützen.“
Neben dem Baden wird den Kindern im Projekt auch beigebracht, wie sie ihre Zähne putzen, Haare waschen und ihre Fingernägel reinigen. Ebenso werden sie ärztlich untersucht, um ihre Gesundheit zu überwachen.
Seit das Programm begann, nimmt die Zahl der Kinder mit Hauterkrankungen ab. Die Jungen und Mädchen kommen gewaschen und mit sauberer Kleidung ins Compassion-Projekt. „Das Leben vieler Kinder hat sich verändert wegen des Programms“, sagt Projektleiter Nongki. „Sie wissen nun neue gute Dinge, die sie sich auf einfachem Wege täglich angeignet haben. Diese werden ihre Zukunft verändern.“
Marsalika Lekan, Compassion Ostindonesien
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