Kenia: Leben ohne Angst
15-08-2011Purity litt unter den ständigen Vorwürfen und Beschimpfungen durch ihre Familie. Schließlich wusste sie keinen anderen Ausweg mehr: Sie verließ die Familie.
Doch wohin sollte sich eine Mutter mit sechs jungen Mädchen und ohne Geld wenden? Purity entschloss sich, zu ihrem Vater zurückzukehren. Sie wusste, dass der relativ wohlhabende Mann sie aufnehmen würde, bis eine bessere Lösung gefunden war.
Doch die Konflikte sollten sich zuspitzen.
„Sie nannten mich eine Prostituierte“
Wie andere Männer der Massai war auch Puritys Vater Polygamist. Er hatte mehrere Söhne mit seiner zweiten Frau zusammen. Die Stiefbrüder beschuldigten Purity zu Unrecht, ihren Mann verlassen zu haben, da sie ihm untreu geworden wäre. „Sie nannten mich eine Prostituierte und bezeichneten meine Kinder als Bastarde“, erzählt Purity. „Das tat mir sehr weh, denn ich hatte sie von meinem Mann.“ Die Söhne ihres Vaters verdächtigten sie weiter, nur zurückgekommen zu sein, um später das Land zu erben, das doch ihnen zustehen würde. Hinzu kam, dass Purity sich einer anderen Tradition verweigerte: „Sie wollten meine Mädchen beschneiden und sie jung verheiraten. Doch ich blieb standhaft und schwor, meine Töchter zu verteidigen. Ich habe diese Praxis nie befürwortet.“ Die Männer drohten offen damit, sie aus dem Haus zu werfen. Ihr Vater unternahm nichts, um Purity beizustehen.
Eines Morgens um vier rissen laute Schritte Purity aus dem Schlaf. Türen wurden aufgestoßen, Taschenlampen blitzten auf. Etwa zwanzig Männer waren in das Haus eingedrungen und begannen, die Dinge darin zu zerstören. Dann schlugen sie brutal auf Purity ein. Ihre Mädchen flohen aus dem Fenster, um sich hinter Büschen zu verbergen. Doch ihre Tochter Violet war zurückgeblieben und musste mitansehen, wie ihre Mutter misshandelt wurde. „Sie schlugen mich am ganzen Körper, schlugen mit stumpfen Gegenständen auf meine Hände und Beine ein.“ Puritys Stimme ist voller Trauer, während sie von jener Nacht erzählt. Noch heute erinnern dunkle Narben auf ihrer Haut daran. „Was mich am meisten schmerzt, ist, dass meine Kleine, Violet, es mitansehen musste.“ Violet reinigte die Wunden ihrer Mutter, bevor sie zum Krankenhaus gebracht wurde. Purity glaubt, dass die Männer von ihren Stiefbrüdern angestiftet worden waren.
Hilfe durchs Projekt
Nach dieser Nacht lebten Violet und ihre Schwestern in ständiger Angst, erneut angegriffen zu werden. Denn obwohl der Vorfall der Polizei gemeldet wurde, hörten die Drohungen nicht auf. Die heute Vierzehnjährige besuchte zu dieser Zeit ein Compassion-Projekt. Violet weigerte sich, zur Schule und ins Projekt zu gehen, wenn ihre Mutter sie nicht begleitete. Kaum, dass Puritys Wunden verheilt waren, wurde in der Nachbarschaft ein Mädchen vergewaltigt und dabei schwer verletzt. Purity war geschockt, als sie herausfand, dass die Tat eigentlich ihr gegolten hatte. Doch offensichtlich waren die Angreifer in das falsche Haus eingedrungen.
Das war zuviel. Purity ging zum Compassion-Projekt ihrer Tochter. Dort half man ihr und den Mädchen, eine neue Bleibe zu finden: Die Mädchen wurden in einem Haus für Waisen und andere schutzlose Kinder untergebracht, das von einer kirchlichen Organisation geführt wurde. Für Purity wurde ein Zimmer in der Nähe gefunden. Compassion Kenia hilft ihr mit der Miete und versorgt sie monatlich mit Nahrungsmitteln.
Violet wurde in ein anderes Compassion-Projekt in der Umgebung übernommen. Jacob Nkanamai, der Sozialarbeiter des Projekts, ist einer von denen, die sich um das Mädchen kümmern: „Als sie ins Projekt kam, sprach sie nicht viel. Sie zog sich zurück von den anderen Kindern, war aber ganz zugänglich, wenn ich mit ihr sprach.“ Im Projekt wurden Purity und Violet seelsorgerlich begleitet, um das Erlebte zu verarbeiten. Die Gespräche mit den Mitarbeitern und Ältesten der Gemeinde, die das Projekt führt, halfen ihnen, mit den Schmerzen fertig zu werden. „Wenn ich für eine Sache dankbar bin, dann für die moralische Unterstützung, die ich durch die Projektmitarbeiter erfahren habe“, blickt Purity zurück.
Zukunft ist wieder möglich
Violet hat im Compassion-Projekt neue Zuversicht gefunden. Obwohl sie etwas älter ist als die anderen Kinder im Projekt, hat sie dort mit Joyce und Edna zwei enge Freundinnen. Sie spielen Fußball und andere Spiele und unterhalten sich die meiste Zeit miteinander. Während sie mit ihrem Mittagessen unter einem Baum sitzt, spricht das zurückhaltende Mädchen aus der achten Klasse über die Zukunft: „Ich möchte Anwältin werden. Ich möchte für die Rechte von Kindern kämpfen, weil ich nicht will, dass irgendein Kind die Gewalt durchmacht, die wir zuhause erlebt haben.“ Auch ihre Mutter schöpft neue Zuversicht: „Ich hoffe, sie schafft es, ihre Träume zu verwirklichen, denn sie ist ein helles Mädchen. Mein Vertrauen in Gott ist über die Jahre gewachsen und ich bin sicher, dass wir überleben.“
Silas Irungu, Compassion Kenia
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